Anett Steiner

Der Wechsel allein ist die Beständigkeit - Schopenhauer

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Start Bücher Leseprobe: Zimmer Nr. 58

Zimmer Nr. 58

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(Textauszug)

...

„Ja, dann. Schönes Leben noch.“ Mathilda griff nach ihrer Jacke und trat ins Treppenhaus. Dort war es kühl und die Luft weniger schwer. Dennoch schwitzte sie noch immer. Sie drehte sich nicht um. Die Tür fiel hinter ihr ins Schloss. Die Fußmatte war voller Schmutz und über dem Klingelknopf befand sich ein leeres Schild. Er hatte es also nicht erwarten können, ihren Namen zu entfernen. Wie erbärmlich.
Mathilda nahm den Aufzug. Treppen mochte sie nicht, obwohl die enge Kabine keine angenehme Alternative war. Gelegentlich fragte sie sich schon, ob ihr Körpergewicht die Seile nicht zu sehr strapazierte. Aber sie mochte sich, wie sie war.
Sie sah auf die Uhr, als sie das Haus verließ. Das schmale, rote Band schnitt in ihr Handgelenk. Es war zwanzig nach Elf.
Noch wusste sie nicht genau, wohin sie gehen sollte.
Ein Taxi mit kaputtem Auspuff hielt lärmend neben ihr an und spuckte eine dürre Frau mit Fischaugen und spitzen Wangen aus. Sie hatte zwei Koffer dabei. Es war die Neue. Ihr Mann handelte effizient und zielstrebig, das musste sie  ihm lassen. Wahrscheinlich hatte er deshalb so schnell ihren Namen vom Klingelschild entfernt und war vielleicht gerade dabei, es neu zu beschriften.
Mathilda vergrub die Hände in den Manteltaschen und zögerte, ins Taxi zu steigen. Sie hob ihren Blick zu den Fenstern im dritten Stock und sah, wie die Versandhausgardinen sich bewegten. Ihre Fingerspitzen ertasteten etwas Gezacktes. Es war der Wohnungsschlüssel.
„Warten Sie“, rief sie dem Taxifahrer zu und ging noch einmal zur Haustür zurück. Sie warf den Schlüssel in den Briefkasten und stellte fest, das ihr Mann doch ein Idiot war. Hier hatte er ihren Namen noch nicht abgekratzt.
Auch wenn sie noch nicht wusste, wohin sie fahren sollte, gab sie dem Taxifahrer das Signal zur Abfahrt. Sie wollte die Straße so schnell wie möglich hinter sich lassen.
„Wohin soll es gehen?“ fragte der Mann.
Mathilda drückte ihr Kinn auf die Brust, um das Gesicht des Fahrers im Rückspiegel zu sehen.
„Bringen Sie mich dort hin, wo die Bohnenstange mit den Fischaugen eingestiegen ist“, sagte sie. Vielleicht war es keine schlechte Idee, genau da hin zu gehen, wo die Neue ihres Mannes hergekommen war. Die machte es schließlich auch nicht anders.
Der Fahrer nickte. Im Taxi roch es nach Schweiß, billigem Deo und Kaffee. Die hinteren Fenster waren beschlagen, schließlich regnete es seit Tagen. Auf dem Sitz klebten Hundehaare. Das Radio murmelte Unverständliches. Mathilda lehnte sich zurück und schloss die Augen.
Der Motor surrte leise, der Auspuff lärmte unter ihr. Die Sitzbank war nicht wirklich bequem, sie bot nicht genug Platz für sie und ihre Tasche. Sie spürte, wie der Schweiß ihr Haar im Nacken befeuchtete und dann ihren Rücken hinab lief. Es fiel ihr schwer, Enge zu ertragen, doch mit dem Taxi verhielt es sich wie mit der Kabine eines Aufzuges. Es war ein notwendiges Übel. Solange sie die Augen geschlossen hielt, bekam sie keine Platzangst.
Als das Taxi anhielt, blickte Mathilda wieder auf ihre Uhr mit dem roten Band. Zwanzig Minuten waren vergangen.
„Da wären wir“. Der Fahrer drehte sich zu ihr um, deutete aufs Taxameter und streckte die Hand nach Bargeld aus.
Sie orientierte sich, während sie Münzen in seine tellergroßen Hände fallen ließ.
„Stimmt so“, erklärte sie.
Der Fahrer zählte das Geld nach.
„Da fehlt noch was.“
„Stimmt so“, wiederholte Mathilda und kletterte aus dem Auto. Die Stoßdämpfer knarrten. „Hätte ich gewusst, das sie mich zum Bahnhof fahren, hätte ich auch den Bus nehmen können.“
„Sie wollten da hin, wo die Dame vor Ihnen eingestiegen ist.“ Er steckte sich ein Streichholz zwischen die Lippen und begann, darauf herum zu kauen. Dann deutete er auf das Hotel gegenüber.
„Schon gut.“ Sie warf die Tür zu und schlug aufs Dach des Taxis, wie sie es in Filmen gesehen hatte.
Das Hotel befand sich in Sichtweite des Bahnhofes. Wie lange hatte die Neue ihres Mannes hier gewohnt? Es war ein gutes Hotel. Sauber und nicht billig. Wie oft mochte er hier mit der Bohnenstange abgestiegen sein, während  Mathilda auf ihn gewartete hatte und das Essen kalt wurde? Langsam ging sie über die glatten, hoch gewölbten Pflastersteine. Mit den Absätzen blieb sie in den Fugen stecken.
Wie das Hotel hieß, hatte sie vergessen. Sie konnte es auch nicht lesen, weil Maler die Fassade erneuerten. Der Schriftzug war von einer gelben Plane verdeckt, die sie an Regenmäntel von Kindern erinnerte.

Sie betrat das Hotel. Der Tresen war nicht besetzt, aber es gab eine Klingel, die fast gänzlich unter ihrer fleischigen Hand verschwand.
„Sie wünschen?“ fragte die Empfangsdame, die mit einer Dose Kekse um die Ecke kam. Mathilda mochte sie sofort, denn sie hatten annähernd die selbe Kleidergröße.
„Ein Zimmer, was sonst?“
Die Empfangsdame nickte und schlug das Belegungsbuch auf.
„Hatten Sie reserviert?“
Mathilda schüttelte den Kopf.
„Aber ich hätte gern das gleiche Zimmer wie die dürre Frau, die vor einer Stunde hier ausgecheckt hat.“
Die Empfangsdame schaute fragend. Auf ihrer Weste prangte ein Schild mit dem Namen „Emanuella“. Mathilda schmunzelte.  Dieser blumige Name passte ebenso wenig zu der massigen Frau wie der kleine, spitze Mund.
„Eine dürre Frau mit hohlen Wangen. Bestimmt erinnern Sie sich an Sie“, fügte Mathilda hinzu. „Ein genauso dünner Mann hat sie manchmal besucht.“ Mathilda riet nur, aber etwas sagte ihr, das sie damit Recht hatte.
Emanuella nickte.
„Diese Dame hatte Zimmer 58.“
„Das nehme ich auch. Zimmer 58.“

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