Anett Steiner

Der Wechsel allein ist die Beständigkeit - Schopenhauer

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Start Bücher Leseprobe: Zeilenweise

Das Zeilenweise-Haus

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Im Autorenforum "Zeilenweise" arbeitete ich gemeinsam mit anderen Autoren an Texten einer Anthologie für einen guten Zweck.
Wir wollten mit dieser Anthologie ein Experiment wagen. Mit dem Hintergrund des alltäglichen Geschehens in einem Wohnhaus haben wir Prosa zu einem Paket geschnürt. Egal ob Horror, Phantastik, Drama, Liebesgeschichte oder Krimi: Alle diese Genres haben Platz in unserem Haus gefunden. Das Buch unterstützt das kleine Kinderheim Kuca Milorsda in Kroatien.

Hier gehts zum Zeilenweiseforum!

 

Zur Einstimmung:


Einfach so -
Sie stehen am Fenster
und schauen hinaus
auf Frühling, Sommer,
Herbst und Winter.
Alte, Erwachsene,
Katzen und Kinder
im Zeileweise Haus.
Man meint, sie suchen
nach dem berühmten Glück,
Vom großen Kuchen
ein bescheidenes Stück.
Doch sie finden nichts,
werden hier bleiben,
sich die Zeit vertreiben.
Es ertragen, das Leben,
die Träume aufgeben.
Warum? frag ich mich.
Einfach so.“

***

Leseproben:


Wohnung Nr. 16 (Familie Senft): Der Intendant

(Auzug)


Sabine Senft war die Stimme des Hauses. Die Musik, die Kultur, sah man von Kunstmaler Zaccharias ab. Niemand wusste es. Niemand hatte sie jemals gehört. Sabine stand am Fenster, drückte ihre Stirn gegen die kalte Scheibe.
... ...
Dann ging sie in die Küche. Holte sich ein Glas roten Wein, um leichter traurig oder glücklich zu sein. Besser einzuschlafen. Vielleicht. Während sie trank, achtete sie darauf, das kein Tropfen auf die weiße Bettwäsche fiel. Sie bekäme ihn niemals wieder heraus. Sie öffnete die Nachttischschublade und nahm die Notenblätter.
Notenblätter, die sie an eine schöne Zeit erinnerten. An eine Zeit, als sie gut genug gewesen war, Sängerin in der Städtischen Oper zu werden. Das war es auch, was sie gewollt hatte. Singen. Auftreten. Abend für Abend, die Luft voller Emotionen und Beifall.
Statt dessen stand sie nun am Fenster. Abend für Abend. Ohne Emotionen. Ohne Beifall.

... (Auszug Ende)

***



Wohnung Nr. 12 (Familie Wegener): Infarkt

(Auszug)

Es war still im Haus, nur die alten Wasserleitungen klopften, die Wände ächzten.
„Bestimmt haben wir Mäuse unter den Dielen“, sagte Friedbert Wegener in die Dunkelheit. Er flüsterte es in die Leere des Raumes. So, als würde er mit jemandem reden. Niemand hörte ihn.
Draußen war Wind aufgekommen, vor ein paar Stunden schon und trieb abgerissene Blätter der alten Linde durch die Luft. Sie blieben an der ungeputzten Fensterscheibe kleben. Die Regentropfen flossen in seltsamen Bahnen ab, webten die Blätter in ihr Muster ein wie eine Spinne die Fliegen ins Netz.
... ...
Dann schleppte er sich weiter in die Küche. Dort wartete ein Frühstück auf ihn, das seine Schwiegertochter vorbereitet hatte, bevor sie zur Arbeit ging. Der Kaffee war inzwischen kalt und Fliegen naschten von der Marmelade auf der rissigen Scheibe Brot.
Sonntags wünschte er sich manchmal ein Ei. Weich gekocht, das Innere flüssig und klebrig. Gelb wie die Wände in diesem Haus. Es rann sein Kinn hinab, als wäre er selbst zum Essen schon zu alt geworden.

... (Auszug Ende)


****



Wohnung Nr. 27 (Werner Weiß): Gestohlenes Glück
(Auszug)


Werner Weiß lief durch die Zimmer seiner Wohnung, rastlos, wie ein wildes Tier im Käfig.
Er suchte Ablenkung, suchte ein wenig Beruhigung für seine Nerven. Fand nichts. Nichts außer unaufgeräumten, gelb gestrichenen Räumen.
... ...
„Geh schon vor Schatz“, sagte er leise zu seiner Tochter. „Ich komme gleich nach. Geh in den Park, wo wir so gerne sind. Warte am Teich auf mich. Auf der Bank am Wegrand. Lass uns dort für eine Weile den Goldfischen zusehen. Lauschen, wie die Blätter rauschen.“ Nur für Sina baute er den Reim ein. Um ihr zu zeigen, das alles gut werden würde. „Lass uns die Sonne spüren. Dann gehen wir gemeinsam zum Test und danach Essen wir ein doppeltes Spaghettieis. Was hälst du davon? Und morgen schon werden wir den Beweis haben, das wir zusammen gehören, auch wenn ich die Papiere verloren habe und deine Mutter uns verlassen hat.“
Er winkte Sina kaum merklich nach, als sie leichtfüßig durch die schäbige Tür ins Treppenhaus verschwand. Vorbei an den Eingängen der Tarrachs, der Wegeners und Familie Senft.
Werner Weiß trat ans Fenster, öffnete es, beobachtete Sina, die über das Pflaster des Zeilenweise-Platzes ging bis der Park sie verschluckte. Ein Park so wie der, der sie einst ausgespuckt hatte.
Jetzt musste er tun, was getan werden musste. Es gab keinen anderen Weg.

... (Auszug Ende)

****