Anett Steiner

Der Wechsel allein ist die Beständigkeit - Schopenhauer

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Start Bücher Leseprobe: Kopflos

Kopflos

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(Auszug)

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Kopflos

Ein Kommissar-Lorenz-Krimi


Die Sage: Der kopflose Reiter am Ziegenberg


In den „Erzgebirgs-und Vogtlandsagen“, aufgeschrieben von Hans Siegert, wird von einem Berg bei Zwönitz berichtet: „Der waldlose Berg südlich des Städtchens Zwönitz führt seit alten Zeiten den Namen Ziegenberg. Auf diesem Berg ,ist es nicht richtig‘, sagen die Leute, das heißt, auf ihm lassen sich Gespenster wahrnehmen. Vor allem ist es ein Reiter ohne Kopf, der hier sein Unwesen treiben soll.“ [Erzgebirgsverlag, 2. Auflage, 1931, S.52-55]


Über die Entstehung dieser Spukgestalt erzählt die dann folgende Sage. So wird berichtet, dass ein Müller aus Zwönitz zwei Kinder hatte, einen Sohn und eine Tochter. Der Sohn heiratete die Tochter des Scharfrichters und das Ansehen des Müllers litt darunter. Schließlich war eine Henkerstochter nach den strengen Begriffen von Ehre und Recht nicht die beste Partie, da ein Schatten des als unehrlich geltenden Henkersgewerbes so auch auf die Müllersfamilie fiel. Der Müller verstieß daher seinen Sohn, weil ihm die Achtung der anderen Bürger der Stadt wichtiger war als das Lebensglück des jungen Mannes. Die Tochter des Müllers wiederum hatte sich mit einem Jäger aus Grünhain verlobt.


An einem Sonntag wurde im Gasthof zum Tanz aufgespielt, wo Bruder und Schwester sich trafen und miteinander tanzten. Der Jäger kam hinzu und wurde wütend vor Eifersucht, da er den verstoßenen Bruder seiner Braut nicht kannte. Voller Zorn führte er seine scheinbar untreue Braut auf den Ziegenberg und stach ihr seinen Hirschfänger ins Herz. Sterbend hauchte sie, dass der Tänzer ihr Bruder gewesen sei. Wenige Wochen später wurde der unglückliche Mörder auf dem Markt von Grünhain geköpft. An der Stelle, an der das Mädchen starb, pflanzten ihre Freundinnen einen Strauch weißer Rosen.


Wer nachts eine dieser Rosen brach, dem erschienen die weißen Blüten im Mondlicht augenblicklich wie mit Blutstropfen übersät. Von da an sichtete man nicht selten eine merkwürdige Spukgestalt. Stets Punkt Mitternacht tauchte am Gebäude des Hochgerichts zu Grünhain ein Reiter auf, der seinen Kopf unter dem Arm trug.


In den „Erzgebirgs-und Vogtlandsagen“ heißt es dazu weiter: „Langsam ritt das Gespenst nach dem Ziegenberg, hielt beim Rosenstock kurze Rast und kehrte dann wieder nach Grünhain zurück. Wer den geheimnisvollen Reiter sah, der schlug drei Kreuze, und nun wusste er, dass schlimme Zeiten, wie Krieg, Teuerung und schwere Krankheit, im Anzug waren.“


In einer anderen Version der Sage befindet sich der Tatort nicht auf dem Ziegenberg, sondern auf dem Eisenweg bei Thalheim, wo ein schwarzes Sühnekreuz an die Tat erinnern und den Reiter an sich binden soll.

Und jetzt der Krimi dazu:

Kopflos

Kommissar Lorenz' persönlichster Fall


„Der Wagen ist völlig ausgebrannt. Man kann kaum noch die Farbe erkennen.“


„Und das Nummernschild?“


„Das haben wir überprüft, es gehört zu einem Leihwagen, der am Flughafen Leipzig gemietet wurde.“


„Sicher wissen wir auch, von wem?“


„Steht alles hier drin“, erklärte Ina Hilbig und reichte ihrem Chef Hauptkommissar Ralf Lorenz eine hellbraune Akte. Dann zog sie sich schnell zurück, bevor er einen Blick drauf werfen konnte.


„Danke“, brummte Lorenz, „ich schaue es mir an.“


Der Kommissar ließ sich auf seinen Schreibtischstuhl fallen und stützte den Kopf in die Hände. In der vergangenen Nacht hatte er schlecht geschlafen und unangenehm geträumt. Er fühlte sich müde und nicht wirklich belastbar. Aber der Alltag nahm darauf keine Rücksicht. Die Leichen auch nicht.


Bevor er aber begann, sich mit der Akte zu beschäftigen, wollte er noch einmal versuchen, seine Tochter zu erreichen. Sie hatte ihm versprochen, bei einer Sagensammlung für den Heimatverein zu helfen, in dem Lorenz Ehrenmitglied war, für den er jedoch viel zu wenig Zeit hatte.


Er lauschte in den Hörer, bis die Mailbox ansprang und sich Annas Stimme meldete, die ihn aufforderte, eine Nachricht zu hinterlassen. Doch genau das hatte er bereits am Vorabend getan und um Rückruf gebeten.


Lorenz straffte sich, richtete sich in seinem Schreibtischstuhl auf und blätterte in der Akte.


Ein Auto war auf der kurvenreichen Strecke zwischen Thalheim und Stollberg, die auch Tanne genannt wurde, von der Straße abgekommen. Beide Insassen waren bis zur Unkenntlichkeit verbrannt. Einiges deutete darauf hin, dass es sich nicht um einen gewöhnlichen Unfall gehandelt hatte. Die Beifahrerseite zeigte eine Verformung, die nicht von einem der Bäume stammen konnte, mit denen der Wagen kollidiert war, denn sie wies rote Lackspuren auf. Es sah ganz so aus, als wäre ein rotes Auto vom nahen Waldparkplatz auf die Straße gebogen und hätte den Unfallwagen gerammt und abgedrängt. Die Rekonstruktion der Spuren vor Ort hatte außerdem ergeben, dass Benzin als Brandbeschleuniger verwendet worden war. Da hatte wohl jemand sicher gehen wollen, dass das Auto auch wirklich Feuer fing. Aus dem Unglücksfahrzeug selbst konnte das Benzin jedenfalls nicht ausgelaufen sein, denn der Mietwagen war ein Dieselfahrzeug.


Kommissar Lorenz legte den technischen Bericht beiseite. Dann nahm er sich die Daten vor, die die Autovermietung übermittelt hatte. Die Identität der Opfer war noch ungeklärt, der Vertrag würde dazu sicher einen Anhaltspunkt bieten. Als er auf das Papier starrte, verschwammen die Buchstaben vor seinen Augen. Sie führten einen teuflischen Tanz auf, verhöhnten ihn. Es sah aus, als würden sie sich immer wieder in neue Formationen fügen, doch am Ende stand da jedes Mal ein Name, den er nicht wahrhaben wollte, eine Adresse die er kannte, ein Geburtsdatum, eine Telefonnummer. Aber... das konnte doch nicht wahr sein! Lorenz schnappte nach Luft. Kalter Schweiß brach ihm aus, es wurde Nacht vor seinen Augen – dann trat seine Kollegin ein, als ob sie nur auf diesen Moment gewartet hätte.


„Ich bringe dir ein Glas Wasser!“ Ihre Stimme klang in Lorenz‘ Ohren wie von einem alten Tonband, das leierte. Er stützte sich auf die Tischplatte und hatte alle Mühe, nicht darauf niederzusinken. Als die junge Frau mit einem Glas in der Hand zurück kam, deutete er auf das obere Blatt in der Akte, die Mietvereinbarung.


„Anna Lorenz“, las Ina Hilbig vor. „Ist sie…?“, fragte sie und ahnte die Antwort bereits.


„Meine Tochter“, stöhnte der Kommissar. „Anna ist meine Tochter.“

(...)

Wie es weiter geht? Sorry, aber diese Geschichte dürft ihr hier nicht zuende lesen, denn sie erschien in "Mordssagen - sagenhafte Kurzkrimis aus Sachsen!"