Anett Steiner

Der Wechsel allein ist die Beständigkeit - Schopenhauer

  • Schrift vergrößern
  • Standard-Schriftgröße
  • Schriftgröße verkleinern
Start Bücher Leseprobe: Jenseits

Jenseits des Waldes

E-Mail

Kommissar Lorenz auf Reisen

Die Geschäfte gingen schlecht. Der Buchladen in der Unteren Bahnhofstraße der erzgebirgischen Kleinstadt Thalheim schrieb schon seit einiger Zeit rote Zahlen. Hannah Stein, die Inhaberin, schob es aufs Wetter, denn es schneite seit Wochen und das Leben erstarb unter der weißen Last. Aber tatsächlich lag die schlechte Situation nicht allein am Schnee – sie lag an den Menschen, die die Worte vergessen hatten, und denen Geschichten und Träume verloren gegangen waren.
Hannah seufzte. Was sollte sie dagegen tun?
Sie warf ihre Jacke über, trat auf die Straße hinaus und bahnte ihren Kunden einen kleinen Pfad durch den Schnee, auch wenn sie wusste, dass das nichts bringen würde. Vielleicht eine Erkältung oder Rückenschmerzen, aber keinen Verkauf.
Buchhandlung Johann Stein – seit 1889, stand in verwitterten Lettern an der Fassade des Hauses, in dem sie seit knapp zwei Jahren den Laden betrieb. Nun, Hannah war keine Buchhändlerin, weiß Gott nicht, aber weil sie Bücher liebte hatte sie freudig zugestimmt, als ihr hochbetagter Onkel ihr das Geschäft überschreiben wollte. Zugegeben, es steckte wirklich viel Enthusiasmus in der Sache, mehr als Know-how. Aber so ist das mit den wenigen Wünschen und Träumen, die sich im Laufe eines Menschenlebens ansammeln: man hält unvernünftig daran fest.
Während ihr dicke Flocken die Sicht verschleierten, grüßte jemand von der anderen Straßenseite herüber. Es war ein großer Mann in dunklem Mantel, der beinahe unmerklich hinkte und mit gesenktem Kopf durch den Schnee schlurfte, als zerre er mehr als nur seine Seele hinter sich her. Hannah erkannte in ihm Hauptkommissar Ralf Lorenz, einen ihrer treuesten Kunden. Er überquerte die Straße und kam zu ihr, wohl mehr aus Mitleid, als dass er wirklich schon wieder neue Lektüre gebraucht hätte – schließlich hatte er fast die Hälfte der paar Bücher gekauft, die in den letzten Wochen über den Ladentisch gegangen waren.
„Wie geht es Ihnen?“, fragte er freundlich. Seine Augen wirkten ein bisschen müde. Er war ein ganz passabel aussehender Mann, Anfang fünfzig, mit graublauen Augen und meliertem Haar, umgeben von einem angenehmen Duft und einem Hauch Melancholie.
„Gut!“, rief sie etwas zu laut. Sie log.

(...) - Die ganze Geschichte könnt ihr in "Mords-Reisen" nachlesen.