Anett Steiner

Der Wechsel allein ist die Beständigkeit - Schopenhauer

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Start Bücher Leseprobe: Fünf

Fünf sind drei zuviel

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„Wir sehen uns also in zwei Wochen!“ Der große Mann mit den grauen Schläfen wandte sich zur Tür. Er ging ein paar Schritte und hinkte leicht dabei.
„Keine Sorge Herr Hauptkommissar, ich kriege das hier schon  hin, solange Sie im Urlaub sind“, erwiderte Kommissaranwärter Milbig munter. Er wirkte unruhig, wie er so auf seinem Schreibtischstuhl hin und her rutschte und dabei an den Nägeln kaute.
Ralf Lorenz blieb in der Tür noch einmal stehen. Sein Schützling hatte sich die Zeit bei der Mordkommission wohl spannender vorgestellt. Viel war nämlich nicht los gewesen in der letzten Zeit. Seit dem Mord an dem Schatzsucher Peter Ludwig im vergangenen Jahr hatte es keinen neuen Toten mehr gegeben.
„Im Moment gibt’s hier ja nicht viel hinzukriegen“, brummte Lorenz also.
„Genau das ist das Problem, Chef. Hier ist einfach zu wenig los. Mir ist langweilig, vom ersten Tag an. Vielleicht hätte ich statt zur Mordkommission lieber zur Autobahnpolizei gehen sollen?“ Der junge Mann mit den grünen Augen und den kupferfarbenen Haaren schien vor Energie zu sprühen.
„Autobahnpolizei?“ fragte Lorenz, der letzte Woche fünfundfünfzig Jahre alt geworden war. 
„Meinst du, auf der Autobahn gibt’s mehr Morde, Milbig? Meines Wissens nennt man das dort ‘Unfälle’ und es gibt in der Regel keine Verbindung zwischen Opfer und Verursacher“, knurrte er, kratzte sich die Stirn und wandte sich erneut zum Gehen.
„Egal, wie man die Leichen auf der Autobahn nennt. Wenigstens gibt’s da welche!“ Milbig kaute erneut an seinen Nägeln. „Schönen Urlaub Chef. Ich krieg das hin“, wiederholte er.
„Ganz sicher tust du das.“
Hauptkommissar Ralf Lorenz verließ das Büro und humpelte den Gang hinunter. Er hinkte schon seit Jahren, aber nicht wegen einer Schussverletzung, wie viele glaubten, sondern wegen eines Bandscheibenvorfalls. Die Tür des Präsidiums fiel mit einem eigenartig dumpfen Ton hinter ihm ins Schloss. Hatte die schon immer so geklungen?

Am nächsten Morgen brach Ralf Lorenz zum Bahnhof auf. Er stieg in den Zug nach Berlin. Sein Ziel war Friedrichshagen. Lorenz liebte den Müggelsee. Auch  das Wetter zeigte sich von der besten Seite.
Als Lorenz am Abend die Ferienwohnung bezog, räumte er die farbenfrohen Hemden neben die kurzen Hosen in den Schrank, daneben die weißen Tennissocken – wenn seine Frau noch lebte, hätte sie ihm eine solche Spießer-Garderobe auf keinen Fall durchgehen lassen. Aber Urlaub war nun einmal Urlaub, die einzige Zeit des Jahres, wo alle Konventionen über Bord geworfen werden durften und eine Spur Übermut aus all dem Grau hervor blitzte.
Lorenz schenkte sich ein Glas von dem mitgereisten Moselwein ein, setzte sich auf die Terrasse und schaute zu, wie die Sonne hinter dem See unterging.
Als er sich das zweite Glas eingoss, piepte sein Handy. Es sollte ja Menschen in seinem Alter geben, die nicht mit Mobiltelefonen umgehen konnten, die nicht wussten, wie man eine SMS verschickte oder eine Bilddatei öffnete. Zu denen gehörte  er jedoch nicht, und dafür war Ralf Lorenz seiner Tochter Anna dankbar. Sie hatte ihm beigebracht, wie man mit einem Smartphone umging, aber Anna konnte ihm keine SMS mehr senden. Sie war einem Verbrechen zum Opfer gefallen. Den Täter hatte er überführen können, wenigstens das. Aber daran wollte Lorenz jetzt nicht denken. Er war im Urlaub. Er wollte die Zeit genießen, spazieren gehen, lesen und sich die farbigen Hemden nicht durch graue Stimmung vermiesen lassen.
Wenn es aber nicht seine Tochter Anna gewesen war, wer hatte ihm dann eine Nachricht geschickt?
Lorenz nahm das Handy und las:

„Chef, kaum sind Sie weg, ist es passiert! Ein Mord! Die Kollegen ermitteln wie verrückt, aber ich will auch meinen Teil beitragen. Wenn ich Sie auf dem Laufenden halte, meinen Sie, Sie könnten mir aus der Ferne ein paar Tipps geben?“

Lorenz las die Nachricht noch einmal. Erlaubte sich der Kommissaranwärter einen Scherz oder gab es wirklich einen Mord in der sächsischen Provinz?

(...) - Die ganze Geschichte erschien in "Mausetot in Spreeathen"