Anett Steiner

Der Wechsel allein ist die Beständigkeit - Schopenhauer

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Start Bücher Leseprobe: Bernstein

Blutiger Bernstein

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Der Mann lag auf der Treppe. Seine Füße zeigten nach oben, der Kopf nach unten, der reglose Körper erstreckte sich über vier Stufen. Eine Lache dunkelroter Flüssigkeit, die von einer Stufe zur anderen nach unten getropft und noch nicht vollständig geronnen war, wirkte beängstigender als der Körper selbst.

„Ist er tot?“, flüsterte eine Frau in weißer Schwesternkleidung.

„Keine Ahnung“, antwortete ihre Kollegin und starrte mit weit aufgerissen Augen die Treppe hinauf. „Ich werde nachsehen.“

„Sei vorsichtig!“,  flüsterte die Frau wieder und hielt die andere kurz am Ärmel zurück.

„Vielleicht ist er gestolpert und die Treppe hinuntergestürzt?“

Die andere schüttelte den Kopf und deutete auf den dunklen Fleck, der sich in Taillenhöhe auf dem Hemd des Mannes ausgebreitet hatte. Genau dort, wo das Kleidungsstück einen Riss oder Schnitt aufwies.

Sie stieg zu dem Mann hinauf. Sein Arm hing über die Stufen, die Hand wirkte schlaff. Die erfahrene Krankenschwester Martina Bernhardt ergriff sie und fühlte nach dem Puls, auch wenn sie längst wusste, dass das nichts brachte. Es war nicht das erste Mal, dass sie einen Toten fand. Ihr Job in der Altenpflege brachte es mit sich, dass sie Wohnungen betrat und dabei gerade noch den Tod aus dem Fenster steigen sah. In dem Mann auf der Treppe steckte kein Leben mehr, da war sie sich sicher.

„Und?“, fragte ihre Kollegin Simone, die ebenfalls bis auf zwei Stufen näher gekommen war.

Schwester Martina machte ihr ein unmissverständliches Zeichen.

„Besser, wir rufen die Polizei.“

„Gut, blieb du hier oben, ich mache das!“

Simone Freund betrat das Büro der Sozialstation, das sich im ersten Stock der neu restaurierten Neukirchner Villa befand. Als die Krankenschwestern an diesem Montag Morgen zur Arbeit gekommen waren, hatten sie sicher nicht damit gerechnet, einen reglosen Mann auf der Treppe zu finden.


Es dauerte eine gefühlte Ewigkeit, bis die Polizei eintraf, obwohl es sich wahrscheinlich nur um Minuten handelte.

„Der Mann kommt mir irgendwie bekannt vor“, überlegte Simone, die gebührenden Abstand von dem Toten hielt.

Martina nickte. „Mir auch. Ist das nicht dieser Peter Ludwig? Du weißt schon, der verrückte Hobby-Schatzjäger?“

Simone schüttelte den Kopf. „Nein, ich kenne den hier von der Baustelle. Ist das nicht einer der Handwerker, die kürzlich den Keller dieses Hauses saniert haben?“

In diesem Moment betraten die Kripobeamten das Treppenhaus. Die beiden Krankenschwestern empfanden eine gewisse Erleichterung. Jetzt wurde die Verantwortung für den Mann von ihnen genommen.

*


Kommissar Ralf Lorenz betrat noch müde das wunderbar restaurierte Gebäude der alten Strumpffabrikantenvilla. Doch heute war er für die Schönheiten des Jugendstilbaus nicht empfänglich, denn wie viele Menschen hasste er Montage, vor allem solche Montage, an denen er zu einem Einsatz gerufen wurde, bevor er gefrühstückt hatte.

Der Tote auf der Treppe wies eine Stichwunde im Nierenbereich auf. Der inzwischen eingetroffene Rechtsmediziner schätzte den Todeszeitpunkt auf die frühen Morgenstunden.

„Die Tatwaffe scheint sehr schmal gewesen zu sein, vielleicht ein Brieföffner oder ein Stilett. Ich prüfe das noch genau“, brummte er.

„Wer ist der Mann?“ fragte Lorenz.

„Er hatte keine Papiere bei sich“, lautete die Antwort des Kollegen.

„Wer hat ihn gefunden?“

„Zwei Schwestern vom DRK, deren Bereitschaftsstation hier im Gebäude ist. Sie sind ein bisschen durcheinander, aber vernehmungsfähig. Sie haben wohl öfter mit Toten zu tun, wenn auch nicht mit Mordopfern. Wollen Sie sie befragen, Herr Kommissar?“

Lorenz nickte und ließ sich den Weg zeigen.


„Haben Sie den Toten genau so vorgefunden, wie er dort liegt?“ fragte er, nachdem er sich vorgestellt hatte.

Die beiden Frauen nickten.

„Kennen Sie den Mann?“

Die Schwestern schauten sich an und sprachen dann fast gleichzeitig: „Das muss ein Handwerker von der Baustelle sein. Der Keller wurde saniert…“, sagte Simone.

„Ich glaube, das ist Peter Ludwig, der Schatzjäger“, erklärte Martina.

„Schatzjäger?“ Der Kommissar schaute ungläubig.

„Ja, ein komischer Kauz eben“, meinte Martina. „Einer von diesen Hobby-Abenteurern, die an solche Sachen glauben und auch allen gern davon erzählen.“

(...)

Wie die Sache weiter geht? Nachzulesen in "Mord-Ost"!